Donnerstagsdemos: Erfahrungsbericht und Liebeserklärung

Der Donnerstag ist seit Oktober letzten Jahres das Highlight jeder Woche. Jeden Donnerstag sind wir wieder fix zam und demonstrieren gemeinsam für eine bessere Welt. Und ganz ehrlich, es gibt nichts schöneres.

Ihr werdet euch noch wundern, wer da aller mitgeht!

Die Themen, für die wir demonstrieren, sind vielseitig. Zuletzt wurden unter anderem das Menschenrecht Wohnen, das Patriarchat und Verhältnisse in der Sozialarbeit thematisiert. In Solidarität, für die Vielen, und für die Rechte marginalisierter Gruppen. Diskriminierung hat bei uns keinen Platz.

Diversität lässt sich nicht nur an den Themen erkennen. Auch die Sprecher_innen, aber vor allem die Demonstrant_innen scheinen unterschiedlich wie die Farben eines Regenbogens.

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Laura Holzinger-Şahan mit Simultanübersetzung in die Gebärdensprache

Die Bühne gehört längst nicht mehr den Privilegierten. Es sprechen Geflüchtete, Obdachlose, Menschen mit Be_hinderung, LGBTIQ*-Menschen, und so weiter. Außerdem werden mittlerweile alle Reden simultan in die österreichische Gebärdensprache übersetzt.

Wir sind jetzt zusammen!

Ich war jetzt schon auf vielen Donnerstagsdemos und ich habe bisher nur gute Erfahrungen mit den Menschen dort gemacht. “Wir sind jetzt zusammen” lautet eines der Mottos der Demos, und genau das ist es. Wir hören einander zu und kämpfen gemeinsam solidarisch für die Rechte unserer Mitmenschen.

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Immer dabei: “Stille Kanzler sind tief”-Schild, Piraten-Flagge und seit 2019 der Mittelfinger.

Bei der Do-Community bist du unter Freund_innen. Ich kenne dort zwar kaum jeman*den, trotzdem fühle ich mich wohl. Vieles ist mir mittlerweile sehr vertraut – seien es bestimmte Menschen, Demoschilder oder der Demowagen mit dem altbekannten “Es ist wieder Donnerstag!”-Schriftzug. Donnerstagsdemos sind längst zur Institution geworden und doch jedes Mal ein Highlight.

If I can’t dance, it’s not my revolution

Die Stimmung bei den Donnerstagsdemos ist unschlagbar. Der Mix aus Musik, Demonstrierenden, Diskolicht und den Straßen Wiens ergibt eine einzigartige Atmosphäre. Einzigartig und jedes Mal verschieden, weil unterschiedliche DJ*anes die unterschiedlichsten Musik-Richtungen (von Pop und Rock über Punk Rock, Hip Hop bis zu Techno, Trance und Happy Hardcore) auflegen und die Demoroute jedes Mal anders ist. Gelegentlich performen auch Musiker_innen live, wie zum Beispiel Kid Pex oder ESRAP. Was gleich bleibt, ist die gute Stimmung.

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Demowagen mit Licht, während Musik gespielt wird

So zumindest fühlt sich die Demo an der Spitze – vorne beim Demowagen – an. Doch der Demozug ist bisher immer mindestens 2000 Teilnehmende lang, und das bietet viel Platz für verschiedenste Konstellationen und Stimmungen. Im Demozug finden sich eine Vielzahl an Transparenten, politischen Organisation und vor allem Privatpersonen. Wenn nicht gerade getrommelt wird, hört man* oft, dass antifaschistische Parolen gerufen werden. “Hoch die internationale Solidarität” und “Alerta alerta antifascista” zu grölen gibt aber auch Kraft. Es bietet die Gelegenheit, die eigenen politischen Überzeugungen laut auszudrücken.

Antifa-Transparent von hinten und gehobene Fäuste

We do! care

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Schild mit Aufschrift “Care-Revolution” (mit gespiegeltem “Love” anstelle des “evol” in “Revolution”)

Ein wichtiger Bestandteil einer jeden Donnerstagsdemo sind die Kundgebungen, bei denen verschiedenste Menschen auf dem Demowagen über Missstände aufklären und Diskriminierungen aufzeigen. Wir Demonstrierende nehmen daran Anteil und sind dagegen gemeinsam laut. Aber die Reden haben vor allem auch einen wichtigen Bildungsaspekt. Denn viele wissen gar nicht, wie schlecht es manchen geht und wie kaputt das System an manchen Stellen ist. Vieles wird Demonstrant_innen wie mir erst bei den Demos so richtig bewusst. Ein gutes Leben für alle ist in unserem Sozialsystem schlicht unmöglich – und daran muss sich etwas ändern!

Schild mit der Aufschrift “Until all of us are free, none of us is free”

Die Menschen, denen bei den Donnerstagsdemos eine Bühne geboten wird, sind im Parlament dazu noch schlecht oder gar nicht vertreten. Wie wäre es denn, wenn die Donnerstags-Render_innen im Nationalrat sprechen würden? Wenn es marginalisierten Gruppen sowieso schon an Repräsentation fehlt, sollten sie sich doch wenigstens selbst vertreten dürfen, statt dass Privilegierte Entscheidungen auf deren Rücken treffen, oder?

Erfahrungen

Wie schon erwähnt bin ich gerne bei den Demos. Die Organisator_innen bewerben die Demonstrationen gerne auch als Dates, und jetzt nach 18 Dates schreibe ich auch mal einen Liebesbrief. Es ist nicht alles perfekt, aber das ist ja bekanntlich nichts und niemand. Da können aber weder die Organisator_innen noch die Demonstrant_innen etwas dafür, denn manche Dates habe ich frühzeitig abgebrochen oder habe sie komplett ausfallen lassen, was meistens durch die Temperaturen oder die Öffi-Verbindungen zu mir nach Hause begründet war.

Menschenmasse bei der Abschlusskundgebung am 22. November

Anstrengend – und da verstehe ich auch, dass viele deshalb nicht gern auf Demos gehen – ist das Gedränge. Besonders am Anfang bei der Kundgebung muss man* sich immer erst durch die Massen wühlen, um im Unglücksfall dort einen freien Platz zu finden, wo sich ständig Menschen vorbeidrängeln. Noch schlimmer ist es beim Losmarschieren, wo sich mein Abstand zum Demowagen plötzlich vergrößert, obwohl ich diesem eigentlich nachgehe. Da gibt es natürlich auch entsprechend viel Gedränge.

Während sich die demonstrierende Masse bewegt, ist es nicht so tragisch. Ich bin ohnehin nicht so ein Mensch, der mitten in der Masse marschiert und dort bleibt; ich bin eher so ein Randmensch, der dauernd Fotos macht und viel die Position wechselt. Allein unterwegs zu sein gibt mir da den großen Vorteil, dass ich keine Bezugsgruppe im Blick haben muss. Bei den friedlichen Donnerstagsdemos ist das aber auch nicht notwendig. Das gibt mir viel Bewegungsfreiheit, was für mich wohl eine Art Wohlfühlfaktor darstellt.

Liebeserklärung

Ich bin gerne bereit, diese kleinen Schönheitsfehler zu verzeihen, wenn ich mir das Gesamtpaket ansehe. Im Grunde genommen ist es, mit der richtigen Musik, eine Art Gratis-Rave, eine Free Party mit wunderbaren Menschen. Alle sind willkommen, und das merkt man*. Ich hoffe, dass es die Donnerstagsdemos noch lange gibt. Nur was passiert, wenn die Regierung erstmal aus dem Amt ist? Bestehen die Demos trotzdem weiter? Ehrlich gesagt hoffe ich es. Missstände gibt es auch unter anderen Regierungen. Es würde etwas wichtiges fehlen, wären die Donnerstagsdemos nicht mehr da.

in die Höhe gehaltenes “Scheiß Patriarchat Elendiges”-Schild

Übrigens tausend Dank der Organisation der Demos. Ihr macht das wirklich super. Ich freue mich auf unser nächstes Date, nächsten Donnerstag.

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2 thoughts on “Donnerstagsdemos: Erfahrungsbericht und Liebeserklärung

  1. Toller Text, Danke! Beschreibt genau auch mein postives Gefühl wenn ich bei Demo bin. Valentinstagsdate war mein bisheriges Highlight! Da ging auch meine Liebe mit mir mit, diese “Pärchen”stimmung über der ganzen Demo, dieses love and peace feeling war geradezu romantisch 🙂 Geh sonst auch meist allein, fühl mich aber nie allein – ihr seid ja Do!-)

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