Werte und Digitalisierung

Dieser Text ist als Rede im Rahmen einer Deutsch-Schularbeit am 25. April 2019 entstanden. Die Aufgabenstellung war, eine Rede zu verfassen, die bestimmte Operatoren umfasst. Textbeilage: https://futurezone.at/science/warum-maschinen-keine-werte-kennen/400448938

Sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, liebes Publikum!

Die Möglichkeiten der Digitalisierung scheinen endlos. Immer mehr Drecksarbeit kann uns abgenommen werden und wir Menschen können uns endlich auf das konzentrieren, was wir gerne machen – schön wär’s. In Wirklichkeit wird die Technik oft gegen uns verwendet. Werte wie Privatsphäre oder Freiheit werden selten gewahrt und durch Überwachung und Zensur untergraben.

Warum Maschinen keine Werte haben, erklärt Wirtschaftsforscherin Sarah Spiekermann-Hoff in einem Interview in der “futurezone”. Sie sieht einen möglichen Rückschritt beispielsweise im Arbeitsumfeld an der Zunahme von Krankheiten wie Depressionen. Auch im Privaten sieht die Forscherin einen Rückschritt, da immer mehr Menschen im Kommunikationsnetz gefangen seien und ihre Studierenden durchschnittlich 200 Textnachrichten am Tag erhielten. Außerdem könne man Maschinen keine Werte beibringen; die Definitionsmacht läge dazu beim Menschen. Es würden sich jedoch viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie menschliche Werte im Digitalen repliziert werden können.

Frau Spiekermann-Hoff betont, das Produkt solle dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Der Effizienzgedanke würde der Menschheit mehr Rückschritt als Fortschritt bringen. Sie appelliert an die Lesenden, alternative Dienste zu verwenden und so den Datenkraken wie Google oder WhatsApp ein Bein zu stellen.

Man sollte sich doch auch einmal fragen, woher dieser Effizienzgedanke und diese Profitgier überhaupt kommen. Den Technologien selbst die Schuld zu geben, ist doch sehr kurz gedacht. Wie auch die Industrialisierung und Globalisierung sollte vor allem auch die Digitalisierung nicht ohne Kritik davonkommen. Es muss immer genau beobachtet werden, wer davon profitiert und zu welchem Zweck die Neuheiten gebraucht oder missbraucht werden.

Sie haben doch bestimmt von den Algorithmen und künstlichen Intelligenzen gehört, die die Instagram- oder YouTube-Timeline so sortieren, dass Benutzer_innen möglichst viel Zeit auf den Plattformen verbringen, um möglichst viel Werbung zu sehen und in Folge möglichst viel Profit zu generieren. Die digitale Welt ist voll von solchen Tricks. Ähnlich verhält es sich mit der gnadenlosen Flut an Push-Benachrichtigungen aus sogenannten “sozialen” Netzwerken oder gar aus Spielen. Uns Menschen des 21. Jahrhunderts wird ständig mitgeteilt, wir würden irgendetwas verpassen. Oft können wir wichtige von unwichtigen Mitteilungen gar nicht mehr unterscheiden.

Wo bleiben also die Werte, die die Wirtschaftsforscherin vermisst? Warum integrieren Entwicklerinnen und Entwickler so selten entsprechende Features, um diese Werte zu wahren? Neben dem dominierenden Profitfaktor ist vermutlich auch die sogenannte Alienation mitverantwortlich für die Wertelosigkeit von Maschinen. Eine App fühlt bekanntlich nicht, wenn sie ihren Benutzer unmoralisch behandelt. Bei menschlichen Serviceteams, die Kunden persönlich betreuen, ist das anders, immerhin können Menschen ihren Werten nicht so einfach aus dem Wege gehen. Programmierer_innen sprechen allerdings nicht direkt mit der Kundin oder dem Kunden, sondern konzentrieren sich auf die Funktionalität der App. Dadurch entsteht eine Schicht zwischen Entwicklerin und Benutzer, die nicht in der Lage ist, irgendwelche Werte zu wahren.

Privat wie beruflich müssen Freiheit und Selbstbestimmung hochgehalten werden. Technische Errungenschaften wie die Cloud bieten zwar unschlagbaren Komfort in der Benutzung – zum Beispiel automatische, kostenfreie Foto-Backups in die Google-Cloud – doch müssen Benutzer_innen aufpassen, sich nicht von Google abhängig zu machen. Was zum Beispiel, wenn die Bilder in einem Datenleck auftauchen? Wenn sie gelöscht werden? Wem gehören die Daten? Wie viel Geld verdient Google mit deinen persönlichen Informationen? Wem werden die Daten verkauft, und wieso sind sie so wertvoll? In der analogen Welt wäre das vermutlich Diebstahl und Betrug und gegen alle menschlichen Werte. Und doch verschenken die meisten von uns wissentlich die eigenen Daten an profitorientierte Großkonzerne.

Die Digitalisierung bereitet in hierarchischen Umgebungen wie in Arbeitsverhältnissen vielerlei Möglichkeiten, Macht auszuüben. Beispielsweise kann genau kontrolliert werden, wer wann wie lange woran gearbeitet hat. Es kann sogar der ganze Computerbildschirm überwacht werden. Was vielleicht gut für die Produktivität zu sein scheint, hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmer_innen. Anderes Beispiel: Wie seit einiger Zeit bekannt ist, diskriminiert der AMS-Algorithmus, und das vollautomatisch.

Wenn Automatismen, Algorithmen und Programme weiter auf die Profitmaximierung ausgelegt sind, wie es die Wirtschaft fordert, dann wird sich der Trend des Werteverlusts im Digitalen vermutlich weiter verstärken. Es ist Zeit für ein neues Wirtschaftssystem, das andere Prioritäten hat.

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